Julie Direnga, in Anlehnung an Carl Wieman Science Education Initiative. „Two-Stage Exams“. Zugegriffen 3. Februar 2025. https://cwsei.ubc.ca/files/resources/instructor/Two-stage_Exams.pdf. Lizenz: CC BY-NC-SA
Wie kann ich kollaborativ Prüfen und trotzdem eine Einzelleistung benoten? Wie bekommen Studierende bei schriftlichen Prüfungen so schnell verständliches Feedback auf ihre Leistung wie bei mündlichen Prüfungen? Wie kann ich Prüfungsangst reduzieren?
Zweistufige Prüfungen sind ein alternatives Prüfungskonzept zur klassischen Klausur mit zahlreichen Vorteilen. Dabei bearbeiten die Studierenden die Prüfungsaufgaben wie gewohnt zunächst einzeln und geben sie ab. Anschließend beantworten sie die Prüfungsfragen dann erneut in Kleingruppen. Die Durchführung einer zweistufigen Prüfung erfordert nicht viel Aufwand: Die Erstellung des Gruppenteils der Prüfung ist einfach, da er sehr ähnlich oder identisch mit der Einzelprüfung ist. Die zusätzliche Benotungszeit der Gruppenprüfungen ist kurz, weil es weniger Prüfungen gibt und die meisten Lösungen richtig sind.
In den beiden folgenden Videos wird das Konzept der zweistufigen Prüfungen erläutert sowie Praxistipps zur Umsetzung gegeben. (Die in den Videos vermittelten Informationen finden sich alternativ auch in wesentlichen Teilen im folgenden Text.)
Dieses Prüfungsformat wurde erstmals an der UBC-Fakultät für Naturwissenschaften im Jahr 2009 eingeführt und begeistert seitdem die dortigen Studierenden2. Während des Gruppenteils erhalten die Studierenden von ihren Gruppenmitgliedern ein sofortiges, gezieltes Feedback zu ihren Lösungen und sehen alternative Lösungsansätze zu den Aufgaben. Dies macht die Prüfung selbst zu einer wertvollen Lernerfahrung1 und vermittelt den Studierenden durchgehend den Wert des kollaborativen Lernens. Damit ist das Format sowohl als Zwischenprüfung (Midterm) als auch als Abschlussprüfung geeignet. Zudem kann das Format Prüfungsangst reduzieren4. Zitate von Studierenden2 zeigen, was sie an den Prüfungen nützlich fanden:
„Ich konnte sofort aus meinen Fehlern lernen.“
„Interessant. Alle sind auf unterschiedliche Weise an die Frage herangegangen. Es war sehr hilfreich, die Lösungsansätze der anderen zu verstehen und warum sie ihre Antwort für richtig hielten.“
Umsetzung
Zweistufige Prüfungen sind einfach zu implementieren.
- Stufe: Individuell, zwischen 2/3 und 3/4 der Prüfungszeit; eine formale Standardprüfung, die die Studierenden allein bearbeiten.
- Stufe: Nachdem die Studierenden ihre individuellen Prüfungen abgegeben haben, lösen sie während der Rest der Prüfungszeit in kleinen Gruppen ähnliche oder identische Probleme.
Im Allgemeinen kann der Wechsel zwischen der Einzel- und der Gruppenphase (selbst in großen Vorlesungen) in weniger als 5 Minuten, wenn für je 50 Studierende mindestens eine Lehrperson zur Verfügung steht. Das CWSEI hat ein kurzes Video produziert, das die Logistik einer zweistufigen Prüfung in einer großen Vorlesung zeigt.3
Der Gruppenteil beginnt, nachdem alle Einzelprüfungen eingesammelt worden sind. Die Studierenden finden sich eigenständig in Gruppen von drei oder vier Personen zusammen und erhalten dann ein Exemplar der Gruppenprüfung. Sie müssen sich auf eine gemeinsame Lösung einigen und ein einziges Exemplar mit den Namen und Matrikelnummern aller Gruppenmitglieder einreichen. Da die Studierenden bereits in Phase 1 an jedem Problem gearbeitet haben, braucht das Lösen derselben Probleme in Phase 2 in der Regel viel weniger Zeit – einschließlich der Zeit für Diskussionen und die Einigung auf eine Lösung.
Strategien, die sich bewährt haben:
Gute Praktiken | Bemerkungen |
---|---|
Erklären Sie den Studierenden, warum Sie die Prüfungen auf diese Weise durchführen | Erklären Sie den Studierenden in der ersten Sitzung, dass die Prüfungen in diesem Format durchgeführt werden und, was noch wichtiger ist, warum dies auf diese Weise geschieht. |
Machen Sie die Prüfung etwa 2/3 so lang wie wie bei einer normalen Prüfung | Zeitplanung: Lassen Sie den individuellen Teil etwa 2/3 der Gesamtzeit in Anspruch nehmen (z. B. 50-55 Minuten von insgesamt 80 Minuten). Es ist schwieriger, eine zweistufige Prüfung in einem Zeitfenster von 50 Minuten durchzuführen, aber es ist machbar. |
Geben Sie den Großteil der Prüfungs-Punktzahl für den individuellen Teil | Gewichten Sie üblicherweise 85-90% für den individuellen Teil und 15% bis 10% für den Gruppenteil. |
Gruppenteil darf Einzelleistung nicht verschlechtern | Durch eine Regel, die besagt, dass die Gesamtnote der einzelnen Studierenden nicht schlechter sein kann als ihre Einzelleistung, werden Bedenken hinsichtlich der Fairness ausgeräumt. In der Praxis betrifft dies nur wenige leistungsstarke Studierende, da Gruppen in fast allen Fällen gleich oder besser abschneiden als einzelne Studierende. |
Geben Sie klare Anweisungen | Klare Anweisungen müssen während des Übergangs von der Einzel- zur Gruppenphase gegeben werden. Zum Beispiel sollten die Studierenden sitzen bleiben, während ihre individuellen Prüfungen eingesammelt werden. Erinnern Sie daran und überprüfen Sie, dass alle Namen und Matrikelnummern auf der Gruppenprüfung aufgeführt sind. |
Erstellen Sie einen genau definierten Plan für den Wechsel zwischen Einzel- und Gruppenteilen | Der Wechsel kann in weniger als 5 Minuten vollzogen werden; am besten ist es, mindestens eine Lehrperson oder Hilfskraft pro 50 Studierende zu haben. Ein kurzes Video, das die Logistik in einer großen Vorlesung erklärt, finden Sie unter: http://blogs.ubc.ca/wpvc/two-stage-exams/ |
Gruppengröße von 3 oder 4 Studierenden | Wenn die Gruppen zu groß sind, bleibt nicht genug Zeit für jedes Gruppenmitglied, um zu Wort kommen, und es kann für die Gruppen schwieriger sein, einen Konsens zu finden. Andererseits gibt es in Gruppen von zwei Studierenden nicht so viele unterschiedliche Strategien. |
Geben Sie nur eine Klausur pro Gruppe aus | Es ist sehr wichtig, dass jede Gruppe nur eine Klausur erhält; sie müssen sich auf eine Antwort einigen. Wenn alle Studierenden ihre eigene Klausur haben, geben sie die Diskussion zu leicht auf und korrigieren ihre Fehler nicht. |
Es können verschiedene Ansätze für den Gruppenteil verwendet werden | Beispiele für Konzepte, die erfolgreich umgesetzt wurden: 1. Wiederholung der gesamten Prüfung 2. Wiederholung einer Teilmenge von Fragen (z. B. die schwierigsten; konzeptionelle Fragen funktionieren gut) 3. Umwandlung offener Fragen in Multiple-Choice- oder Ranking-Aufgaben 4. Hinzufügen einer anspruchsvolleren Frage, die nicht im individuellen Teil enthalten war |
Es kann eine Vielzahl von Fragetypen verwendet werden | Zweistufige Prüfungen eignen sich für alle Fragetypen, außer für längere Aufsatz-Fragen und lange Berechnungen. Die meisten anderen Arten von Fragen sind kurz genug oder so strukturiert, dass alle einen Beitrag leisten können. |
Ermutigen Sie die Studierenden, während des Gruppenteils zu beteiligen | Assistenten und Lehrpersonen können bei der Bildung von Gruppen helfen. Ermutigen Sie alle Gruppenmitglieder, sich an der Diskussion jedes Problems zu beteiligen. |